Ruhewald-Aktuell - Ruhewald Rheinhessische Schweiz

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Ruhewald
Aktuell
Rheinhessische Autorengruppe LANDSCHREIBER



Texte der Autorengruppe Rheinhessische Landschreiber - geschrieben für eine Lesung im Ruhewald Rheinhessische Schweiz
Am 6. Mai 2018 fand im Ruhewald Rheinhessische Schweiz eine Lesung der Autorengruppe Rheinhessische Landschreiber statt.
An drei verschiedenen Lesungsorten im Ruhewald wurden die speziell aus Anlass der Lesung geschriebenen Texte unter dem Motto "Licht und Schatten" von Gerdy Bormet, Ulla Grall, Uwe Jung, Karin Kinast, Bärbel Triebel und Roswitha Wünsche-Heiden vorgetragen.

Musikalisch stimmungsvoll umrahmt wurde die Lesung

vom Duo Tanderadey

Gerdy Bormet hatte für die Veranstaltung diesen einführenden Text verfasst:
 "Als sich die Menschen zu früheren Zeiten noch eins mit der Natur fühlten, eingebunden in das Werden, Wachsen und Vergehen alles Lebendigen, waren manche Bäume Schicksalsbäume, die sie von der Geburt bis zum Tod begleiteten. Dass heute wieder Menschen unter Bäumen beigesetzt werden, ist für die Rheinhessischen Landschreiber Anlass zu einer Lesung im Ruhewald Rheinhessische Schweiz bei Stein-Bockenheim. Hier werden an ausgewählten Plätzen im Ruhewald vielfältige Texte zum Thema "Licht und Schatten" vorgetragen, die von dem Ort inspiriert sind. Gelesen werden neben ernsten, besinnlichen Texten auch heitere Geschichten und Mundarttexte. Wo Licht ist, ist auch Schatten; damit werden Polaritäten thematisiert, wie Leben und Tod, Ankunft und Abschied. Manche Texte sind in der Grauzone angesiedelt, wo Licht und Schatten ineinander übergehen."
 
Mit freundlicher Genehmigung der Rheinhessischen Landschreiber können alle Interessierten hier einige der am 6. Mai 2018 präsentierten Texte nachlesen.

SCHATTEN UND LICHT

von Karin Kinast

Es hat etwas Magisches, dieses Licht im Wald, wenn die Strahlen der Sonne zwischen den hochgewachsenen  Bäumen hindurch gleißen und ihre Schatten auf dem rostbraunen Waldboden Bilder zeichnen, die jedes Mal anders sind,  je nach Jahreszeit, Stand der Sonne, Uhrzeit. Einmal ist das Auge fasziniert von den bizarren Schattenstrukturen, die durch das aufgeworfene Laub reliefplastische Formen ergeben, dann wieder bleibt der Blick an den ziseliert wirkenden Lichtflecken hängen. Dann springt das Auge hin und her, wie bei einem Vexierbild, und die Schatten der Bäume beginnen, eine Geschichte zu erzählen.  
Ewald liebte es, hierher zu kommen. Der Wald hatte etwas Beruhigendes. Langsamen Schrittes den Weg entlang zu gehen und den Blick schweifen zu lassen, dabei ließ sich gut entspannen. Manchmal blieb er staunend stehen. Die geheimnisvollen Lichtstimmungen, die den dunklen Wald nur teilweise erhellten und mystische Waldbilder entstehen ließen, regten seine Fantasie an. Lange dunkle Strahlen, die am Boden weiterliefen und immer wieder anders erschienen. Schon als Kind hatte ihn das fasziniert, dieses Spiel von Licht und Schatten.
Je nach Kronendichte war der Lichteinfall ein anderer, und das Muster auf dem Boden ein sich ständig wandelndes. Ewald erinnerte sich, wie sie als Kinder auf der Straße Schattenhüpfen spielten, auf den Schatten des anderen treten wollen oder den eigenen Schatten retten, davonrennen, Schatten-Fangenspiel. Wenn niemand da war zum Spielen, sprang man über die Schatten der Büsche und Bäume. Über den eigenen Schatten zu springen war ja ein Ding der Unmöglichkeit. Der eigene Schatten war immer vorneweg, seitlich oder hinter einem selbst, egal, wie man sich auch drehte.
In seiner Kindheit gab es viele Sonnentage. Da hatte der Sommer schon im April begonnen und bis Oktober gedauert. Schon zu Ostern durfte er kurze Hosen, Strümpfe und Sandalen anziehen. Einmal wurde bei den Nachbarn bereits im April das Wasser ins Schwimmbad eingelassen. Das war in dem Jahr, als er Schwimmen gelernt hatte. Ewald schmunzelte.
Behutsam setzte er seine Fersen und den Gehstock auf dem Kieselweg auf. Die Ameisen waren am Wuseln. Vielleicht konnte er dadurch ein paar von ihnen verschonen. Der Waldboden war vom dürren Laub des vergangenen Herbstes bedeckt. Dazwischen sprießte vielerlei frisches Grün. Das Gras stand hoch, dazwischen Wildkräuter und Hahnenfußgewächs. Abermals hielt er in seiner Vorwärtsbewegung inne. Faszinierend, wie sich das lichte Grün der Hainbuchen von dem Dunkelgrün der Nadelhölzer im Hintergrund abhob. Ein Baum trug weiße Blüten. Er war mit einer blauen Plakette markiert.
Mittlerweile war er an der Weggabelung mit den Holzschildern angekommen. Oft war er ganz alleine in diesem großen Areal unterwegs, vor allem abends.  Heute saß eine schwarz gekleidete Frau auf der Holzbank. Sie trug einen Hut und einen knielangen Mantel. Sie hatte den Blick Richtung Boden gewandt. Weißes Haar schimmerte unter der Hutkrempe hervor. Ihr Gesicht konnte er nicht sehen. Ihre äußere Erscheinung ließ eine Frau gesetzten Alters vermuten.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Die Bank, auf der sie saß, wurde von den Sonnenstrahlen des späten Nachmittags beschienen.
Die Frau drehte den Kopf zur Seite, blickte nur kurz zu ihm auf, und senkte das Kinn dann wieder zur Brust.
Ewald nahm neben ihr Platz. Er hatte nicht vor, die Dame in ein Gespräch zu verwickeln. Er wollte sich einfach etwas ausruhen, bevor er seinen Rundgang fortsetzen würde. Außerdem liebte er die Stille. Obwohl, so still war es gar nicht im Wald. Es war ein abendliches Vogelkonzert, das hier stattfand, ein Zwitschern, Rasseln, Krächzen und Kreischen, das an sein Ohr drang. Dazu das Säuseln des Windes, der sanft das Blattwerk wiegte, wodurch bewegte Licht- und Schattenbilder auf dem Waldboden entstanden. Ewald konnte sich gar nicht satthören und sattsehen.
„Kommen Sie öfter hierher?“, brach die Frau das Schweigen, nachdem sie eine Viertelstunde still nebeneinandergesessen hatten.  
„Ja. Oft! “ Ewald blickte in ein verwundertes Gesicht, das von Falten und Furchen gezeichnet war.
„Ich nicht, ich komm‘ ganz selten her!“
Ewald fragte nicht weiter nach. Vielleicht wollte die Frau, die offensichtlich trauerte, ihre Ruhe haben.
„Ich komm‘ nicht so gerne her!“ Ihren Worten verlieh sie Nachdruck, als wollte sie, dass er nachfragte. Nachdem er nicht reagierte, erzählte sie weiter:
„Wissen Sie, mein Mann ist vor einem halben Jahr gestorben!“
Ewald blickte sie mitfühlend an.
„Er wollt‘ in einen Ruhewald. Damit ich keine Arbeit hätt‘ mit der Grabpflege. Das macht alles die Natur, hat er gesagt!“ Sie stockte. Tonfall und Mimik ließen unschwer erkennen, dass sie mit der Entscheidung ihres Mannes nicht einverstanden war.
„Wissen Sie, ich bin auch wütend auf ihn, weil er mich allein gelassen hat. Was soll ich denn jetzt mit der vielen Zeit anfangen? Für wen soll ich denn jetzt kochen und putzen? Und wen soll ich denn jetzt schimpfen?“
Die Weißhaarige blickte Ewald fragend an, als könnte er ihr eine Antwort darauf geben. Nachdem Ewald nichts ergänzte und auch nichts erwiderte, setzte sie fort:
„Nein, ich will auch nicht mehr leben. Ich möcht‘ auch sterben. Aber: ich will auf keinen Fall in so ein Grab! Mit nur einer Nummer! In so einem riesigen Wald! Ich hab‘ ja heut‘ seinen Baum gar nicht gefunden! Nummer 141! Hätt‘ er sich nur unten bestatten lassen! Jetzt muss ich ja auch noch mit dem Bus hochfahren. Wissen Sie, ich hab‘ ja niemanden mehr!“
Das war ganz schön viel, was da auf Ewald einprasselte. Da es seiner Einschätzung nach nichts gebracht hätte, ihr seine Ansichten mitzuteilen, entschied er sich, nichts zu fragen oder zu sagen. Stattdessen nickte er unmerklich, so als wollte er ihr damit zu verstehen geben, dass das, was sie erzählt hatte, bei ihm angekommen war. Ewald war ein guter Zuhörer.
„Ich möcht‘ ein Grab mit einem Grabstein. Mit Namen, geboren, gestorben. Dass die Leut‘ auch wissen, wer da drin liegt, wenn sie davorstehen. Aber jetzt liegt mein Mann ja hier. Und dann wären wir ja getrennt. Und das ist auch nicht auszuhalten!“
Langsam tat ihm die alte Dame leid, der mittlerweile die Tränen in den Augen standen, sei es aus Verzweiflung, Wut oder Trauer.
„Vor seinem Tod haben wir oft gestritten. Über das Beerdigen. Dass ich in keine Urne will, er aber schon. Vielleicht ist er deshalb gestorben, weil wir so viel darüber gestritten haben.“
Die alte Frau war völlig geknickt und in sich zusammengesunken. Mittlerweile lag die Bank im Schatten. Zwischen den Bäumen schimmerte das sanfte Licht der Abendsonne durch.
„Wollen Sie vielleicht ein bisschen gehen?“
„Naja, schaden tut es sicher nicht!“
Während Ewald und die alte Frau nebeneinander den Waldweg entlang gingen Richtung letzter Sonnenstrahlen, entspann sich zwischen den beiden ein Gespräch:
„Haben Sie auch wen, den Sie hier besuchen?“
„Noch nicht!“
„Ist Ihre Frau krank?“
„Nein, ich hab‘ keine Frau!“
„Das tut mir aber leid, ist sie tot?“
„Nein, sie hat mich verlassen!“
Die alte Frau schob nachdenklich die Unterlippe nach vorne.
„Wie oft, haben Sie gesagt, kommen Sie hierher?“
„Beinahe täglich!“
„Und haben hier niemanden, den Sie besuchen?“
„Nein. Aber ich bin hier sehr gerne. Und ich möchte mir hier auch einen Baum aussuchen, als Platz für meine letzte Ruhestätte ...“
Der Spaziergang führte die beiden in die Höhe der Andachtsstätte mit dem großen Holzkreuz und dem Altar.
„...und ich glaube, ich habe auch schon einen gefunden.“
Das zwischen den hochgewachsenen Laubbäumen flach einfallende Licht zielte wie Scheinwerferstrahlen auf einen Waldabschnitt nahe dem Steinbruch. Das Areal war dadurch magisch beleuchtet. Ewald verließ den Weg und folgte dem längsten Lichtstrahl, der direkt auf eine Hainbuche zuführte, deren kräftiger Stamm von einem schlanken Stamm umwachsen war, der aus der gleichen Wurzel hervorkam.
„Das ist ja die 141!“, hörte er die Frau staunend ausrufen. Er hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihm gefolgt war.
„Das ist ein wunderschöner Platz!“, sagte Ewald. „Und es ist auch noch ein Platz frei!“
„Sogar zwei!“, kam es prompt aus dem Mund der alten Dame, die das sofort an den Aussparungen erkannt hatte.
„Da könnt‘ ich mich ja doch noch zu meinem Mann legen! Ich glaub‘, der hätt‘ nichts dagegen, und Sie doch auch nicht, oder?“
„Ganz bestimmt nicht!“, antwortete Ewald.
„Na dann könnt‘ ich ja noch ein bisschen leben und müsst‘ mir keine Sorgen machen über meine Zukunft unter der Erd‘!“
„Darf ich?“, fragte die alte Frau mit einer weiten Armgeste, bevor sie sich bei Ewald einhängte.
„Wie oft, haben Sie gesagt, kommen Sie hierher?“

SCHATTENSPIELE

von Uwe Jung

Friedhöfe haben mich schon immer fasziniert. Ich weiß gar nicht so recht warum. Vielleicht wegen der Ruhe und der Idylle, die solche Orte ausmachen. Der Friedhof meiner Kindheit hatte an der Vorderseite eine Bruchsteinmauer, die drei anderen Seiten waren durch eine wilde Hecke begrenzt und in der Mitte stand eine riesige Trauerweide. Wie passend.
Sie wachte über die Toten und ließ das Sonnenlicht auf den Grabsteinen tanzen.
Der Vater meines besten Freundes war Friedhofsgärtner.
Er stutzte die Hecken und harkte die Wege. Er entsorgte verwelkte Blumen und besorgte neue Gießkannen aus verzinktem Blech. Und er machte Witze über seine Arbeit. Solche wie: „Ich hab 150 Leute unter mir und es hat noch sich noch nie einer beschwert.“
Wenn andere nach der Schule auf den Bolzplatz gingen, trafen wir uns auf dem Friedhof, mein Freund Rüdiger, seine Schwester Carola, die ein Jahr älter war als wir, und ich.
Wir spielten Verstecken zwischen den Grabsteinen und sendeten uns Lichtsignale mit Grablichtern.
Der Friedhof war der reinste Abenteuerspielplatz für uns. Es war aber auch ein verwunschener Ort. Zwischen den Pflastersteinen der Wege wuchsen kleine Blümchen und die wilde Hecke beherbergte Nester brütender Vögel sowie dutzende Spinnennetze.
In der brüchigen Mauer lebten Eidechsen und es gab begehbare Grabmale, in denen wir Getränke kühlt stellten und uns bei großer Hitze selbst abkühlten.
Rüdigers Oma war die gute Seele des Friedhofs. Sie pflegte die Gräber der Familie und goss auch die Pflanzen auf den Gräbern, um die sich keiner mehr kümmerte. Sie brachte uns Kekse und Tee mit und ihrem Sohn das Mittagessen.
Wir nannten uns die „Friedhofs-Clique“ und waren in unserer Phantasie so etwas wie ein Geheimbund.
Clique war ein beliebtes Wort in den 80ern und man war wer, wenn man zu einer solchen gehörte. Heute zählt das Wort zu den aussterbenden Konstrukten deutscher Sprache. Es kommt aus dem Französischen. ‘Cliquer‘ bedeutet so viel wie klatschen, auf die Gruppe bezogen: ‘beifällig klatschende Masse‘.
Als Carola, die aufs Gynasium ging, uns das eines Tages erklärte, ersannen wir einen Klatschrhythmus, der zu unserem Erkennungsmerkmal wurde.
"klatsch klatsch klatschklatschklatsch klatschklatsch - klatschklatschklatsch klatsch klatsch klatsch klatsch"
Er sollte die Melodie des Refrains von „Pet Samatary“ von den Ramones wiedergeben.
“I don’t wanna be buried in a Pet Sematary, I don’t want to live my life again …”
Der Text brachte uns auf eine Idee.
Um unser dürftiges Taschengeld aufzubessern, beerdigten wir Haustiere. Wir legten den ersten Pet Cematary an, lange bevor der „Friedhof der Kuscheltiere“ ins Kino kam.
Rüdigers großer Bruder legte Autos tiefer, wir die verstorbenen Tiere unserer Kunden.
Den Wellensittich von Oma, die Katze von Tante Gisela, ein Meerschweinchen, einen Hamster und sogar einen Igel, den wir im Straßengraben fanden. Für den bekamen wir nur Gotteslohn.
Rüdiger grub mit einem Klappspaten ein Loch, Carola legte das tote Tier, das wir in eine Serviette oder ein altes Handtuch gewickelt hatten, behutsam hinein und ich sagte feierlich so etwas wie:
„Bubi – gliebter Wellensittich
Du piepst nun weiter – unterirdisch!“
Dann holte Carola einen Kamm aus ihrer Hose und spielte darauf ein trauriges Lied.
Rüdiger warf Erde auf das tote Tier und befestigte ein Kreuz auf dem Grab. Und ich überlegte, was ich mir für die Mark, die jeder von uns bekam, kaufen könnte.
Einmal spielten Rüdiger und ich eine Szene aus ‘Tom Sawyer und Huckleberry Fynn‘ nach. Die, in der die beiden nachts mit einer toten Katze auf den Friedhof gehen.
Sinn der Sache war, eine Warze loszuwerden.
Wenn der Teufel einen schlechten Menschen holt, muss man eine tote Katze hinterherwerfen und sagen: „Teufel folgt Leiche, Katze folgt Teufel, Warze folgt Katze, ich bin euch los.“
Wir waren fasziniert von diesem Spruch, konnten aber keine tote Katze auftreiben. Ich nahm stattdessen eine alte Fuchsstola von meiner Großtante mit. Sie roch nach Mottenkugeln. Mein Kumpel hatte aus einem alten Autositzfell ein Stück in Form einer Katze herausgeschnitten.
Wir gingen nachts um 11 auf den Friedhof und warteten in der Nähe des Grabes eines kürzlich Verstorbenen bis kurz nach Mitternacht. Es kam aber keiner. Kein Mensch und kein Teufel. Nur ein Igel erschreckte uns, als er durchs Laub trottete.
Wahrscheinlich war der Verstorbene gar kein so schlechter Kerl wie erhofft.
Später, als Jugendliche boten wir einen besonderen Service an. Wir gingen zu Beerdigungen, gegen Gebühr. Wir ließen unsere Kontakte spielen, engagierten ein paar Mitschüler und ein einige Jungs aus dem örtlichen Fußballteam. Beim unbeliebten Herrn Müller, der als einziger das Grab seiner früh verstorbenen Frau mit einer Granitplatte hatte abdecken lassen, weil er keine Lust auf die intensive Pflege hatte, kamen über fünfzig Trauergäste, das hätte keiner gedacht.
Den ersten Toten habe ich auf dem Friedhof gesehen, aufgebahrt in der Aussegnungshalle und auch meinen ersten richtigen Kuss hab‘ ich dort bekommen. Von Carola. Sie war ja – wie bereits erwähnt – ein Jahr älter als wir und etwas frühreif.
Sie schminkte sich mit 14 ihre Augen schwarz und hörte Dark und Gothik. The Cure und Sisters of Mercy.
Ich hab‘ einfach mal nachgefragt, von was die Bands in ihren Liedern singen. Da hat sie mich hinter dir Friedhofskapelle gezogen und mir meinen ersten Zungenkuss verpasst. „Davon!“ hat sie gesagt und mich ratlos zurückgelassen.
So hatten wir lange Zeit Spaß auf dem Friedhof und erlebten kleine Abenteuer. Bis Rüdigers Mutter starb und sein Vater nicht mehr dort arbeiten wollte. Auch wir konnten uns nicht mehr an diesem Ort unserer unbeschwerten Kindheit treffen. Jeder musste für sich mit der Trauer zurechtkommen.
Und dann war unsere Jugend vorbei. Wir haben uns aus den Augen verloren. Carola hat die Schule abgebrochen, eine Lehre als Bäckereifachverkäuferin gemacht und später ihren Chef geheiratet.
Rüdiger war ein paar Jahre im Ausland. Irgendwas mit Entwicklungshilfe. Einmal war ein Bericht über ihn in der Zeitung, da hab‘ ich mir vorgenommen, ihm zu schreiben. Hab‘ ich aber dann doch nicht gemacht. Was hätte ich ihm schreiben sollen?
Letzte Woche habe ich Rüdiger wiedergesehen, nach fast 20 Jahren, bei der Beerdigung seines Vaters. Es war ein seltsames Gefühl, nach so vielen Jahren dorthin zurückzukommen. Der Friedhof hat sich verändert, die Bäume sind größer, Licht und Schatten malen noch immer Muster auf die Gräber und doch hat dieser Ort seinen Zauber verloren. Die Wege sind breiter und frei von Unkraut, eine akkurat gestutzte Hecke lässt wenig Platz für Vögel und kleines Getier. Wo einst die Trauerweide stand, erhebt sich eine Urnenwand. Die Gießkannen sind jetzt aus Plastik und es gibt einen Automat mit Grablichtern.
„Mein Beileid!“ sagte ich zu Rüdiger und wusste nicht, ob ich ihm die Hand geben sollte oder ihn umarmen. Ich tat irgendetwas dazwischen. „Wo ist deine Schwester?“ fragte ich ihn. Er sah mich kurz an, zuckte mit den Schultern und senkte dann seinen Blick.
„Ich glaube, wir sollten uns mal treffen!“ fuhr ich fort. Er nickte nur und strich sich eine Träne von der Wange. Dann blickte er auf und sah über meine Schulter hinweg. Ich erahnte nur, wen er dort sah. Und dann hörte ich es:
"klatsch klatsch klatschklatschklatsch klatschklatsch - klatschklatschklatsch klatsch klatsch klatsch klatsch"

GLÜCKSSUCHERINNEN

von Roswitha Wünsche-Heiden

Der Tag fing für Martina schon ärgerlich an. In dem festen Glauben, man werde sie wecken, hatte sie sich noch einmal auf die andere Seite gedreht, war noch einmal tief und fest eingeschlafen und kam eine Dreiviertelstunde zu spät in den Frühstücksraum der Pension. Ein finsteres Gesicht zwischen vier lachenden. Zu allem Überfluss noch Lissys blöde Frage: „Na, hast du gut geschlafen?“ - In der Kaffeekanne war nur noch eine halbe Tasse, auf der Wurstplatte außer Schwartenmagen und fetter Leberwurst nur noch ein halbe Scheibe Kochschinken. Die restlichen Schnittkäsescheiben bekamen schon glasige, gewellte Ränder. Dabei sollte der heutige Tag doch zu ihrem Glückstag werden, an dem jede vom Frühstück bis zum Mittagessen Zeit hätte, sich auf einem markierten Rundweg, der an ihrer Pension vorbeiführte, auf Glückssuche zu machen. Bei der Rückkehr wollte man sich erzählen, was einem begegnet war. Nachdem Lore ihr eine frische Kanne an den Tisch gebracht, und jedem ein nett verpacktes Notizblöckchen geschenkt hatte, sah alles schon viel besser aus. Martina beschloss in dem Blöckchen ihre Erkenntnisse über die Glückssuche festzuhalten.
Etwa: „Gib jedem Tag eine zweite Chance, dein Glückstag zu werden!“
Es dauerte ein bisschen, bis sich alle auf den Weg gemacht hatten. Regina war als erste aufgebrochen, Lissy startete als letzte. Das war früher schon so, als die fünf Kolleginnen eine Zeitlang unter dem Motto „Frühlingserwachen“ ein gemeinsames Wochenende verbracht und viel Spaß zusammen gehabt hatten. Als sie sich zu Lissys 65. Geburtstag wiedertrafen, beschlossen sie, die alte Gewohnheit wieder aufleben zu lassen. Dass sie früher auf Lissy warten mussten, lag daran, dass die oft schon ihren ersten Flirt in Arbeit hatte. Auch heute war ihr Interesse für männliche Wesen ungebrochen, das Angebot jedoch rückläufig. „Vier ältere Paare und eine Drücker-Kolonne mit Chef. Sagen wir, im Schnitt so um die 40, ziemlich unausgeschlafen“, raunte sie Martina zu und seufzte: „Männer sind auch nicht mehr das, was sie mal waren.“ Ehe sie diese Feststellung allgemein auf das Thema Glück beziehen konnten, klingelte Lissys Handy und Martina lief weiter.
Ein ganzes Stück vor ihr waren Lore und Sandra offensichtlich in ein sehr interessantes Gespräch vertieft. Immer wieder blieben sie stehen und steckten die Köpfe zusammen. Als sie näherkam, fiel der Name Robert. Wegen Robert waren ihre Treffen damals zum Erliegen gekommen. Das war die Zeit, als Robert sich von Sandra trennte, um Lore zu heiraten. „Männer sind keine Glücksgarantie“, notierte Martina. Ob es die beiden glücklich machte, jetzt gemeinsam mit dem abzurechnen, der jetzt möglicherweise in seiner dritten Ehe eine gewisse Erika beglückte? Martina war gespannt, was sie am Nachmittag erzählen würden.
„Bis später“, rief Lissy im Vorbeijoggen. Diese Frau war unglaublich. Martina hatte sie schon vor dem Frühstück auf der Dachterrasse bei der Frühgymnastik beobachtet. Schlanke Beine, kein Bauch, beweglich, ausdauernd, einfach beneidenswert fit. „Bewegung macht glücklich“, schien ihr Motto zu sein. Man stelle sich das mal vor: 65 Jahre und kein bisschen Cellulitis. Könnte glatt für Mitte 50 durchgehen. „Stopp!“, rief sich Martina zur Ordnung. Auf dem Weg zum Glück waren solche Gedanken für sie selbst nicht sonderlich zielführend. „Keine Vergleiche, die zu deinen Ungunsten ausfallen!“, schrieb sie als nächste Regel. Galt das auch umgekehrt?
Ihr Blick fiel auf Regina. Regina hatte Arthrose und konnte nur unter Schmerzen gehen. Deshalb hatte sie es sich hatte es sich auf einer halbschattigen Bank in der Nähe des Hauses gemütlich gemacht und würde wohl von dort aus wieder an den Ausgangspunkt zurückkehren Kissen unterm Hintern, Buch, Knabbernüsschen, Piccolo, Poncho um die Schultern, war sie in ein Buch vertieft. Was für ein sinnvoll arrangiertes Ambiente, um dem fiktionalen Glück zu begegnen! Regina wusste, was sie für ihr kleines Glück brauchte. „Mit allen Sinnen genießen!“, beschloss Martina, ohne zu ahnen, dass auch ihr erster Glücksmoment nur noch wenige Schritte von ihr entfernt lag.
Fasziniert von dem dreifarbigen Blumenteppich im Halbschatten des Frühlingswaldes ging sie an der nächsten Wegbiegung einige Schritte in den Wald hinein hockte sich auf einen Baumstumpf und lehnte sich an einen Baumstamm. Die Sonne wärmte ihre Haut. Ein laues Lüftchen streichelte ihr Gesicht. Sie fühlte, dass sie lächelte. „Buschwindröschen, Scharbockskraut, Veilchen“, zählte sie auf und nahm ihren angenehmen Duft wahr. „Ich kenne all ihre Namen“, freute sie sich.  Keine Alzheimer-Symptome feststellbar. Wobei – wie man sagt, betrafen die Ausfälle vorwiegend die jüngste Vergangenheit, nicht Erinnerungen aus früheren Zeiten. „Aufhören zu denken!“ schrieb sie in ihren Block und sagte sich gleichzeitig, dass das Quatsch sei. War das überhaupt möglich, im Wachzustand nicht zu denken? Sie schloss die Augen, um sich von diesem wunderbaren Gefühl nicht ablenken zu lassen. Wie lange sie so gesessen hatte, hätte sie nicht sagen können, aber das war erst der Anfang ihres Glückstages. Denn als sie sich erhob, um ein paar Schlucke aus ihrer Wasserflasche zu trinken, fiel ihr Blick auf eine Art Verschlag ein beträchtliches Stück oberhalb des Weges. Vorsichtig, weil sie immer wieder auf dem trockenen Laub ins Rutschen kam, kletterte sie hinauf. Tatsächlich fand sie in dem Gebüsch eine Hütte, deren Eingangstür zum Teil aus den Angeln gerissen war. Offenbar hatte sich vor nicht allzu langer Zeit jemand gewaltsam Zutritt verschafft und die Hütte durchwühlt. Durch die halb geöffnete Tür hatten Wind und Regen Spuren hinterlassen, aber noch hatte die Natur den Platz nicht zurückerobert. Sie schätzte, dass der oder die Besitzer noch im vergangenen Jahr dort gewesen waren. Neugierig betrat Martina den winzigen Raum. Eine fest mit der Außenwand verbundene, grün lackierte Bank bot Platz für drei Personen. Zur Not konnte man dort auch schlafen. Aus einer Truhe, die ursprünglich mit einem inzwischen aufgebrochenen Vorhängeschloss verschlossen gewesen war und wohl auch als Tisch gedient hatte, hing eine Wolldecke. Kerzenständer und Geschirr, das jetzt auf dem Boden lag, hatten anscheinend auf dem Regalbrett über der Tür gelegen, wo jetzt nur noch ein Spruchbrettchen hing. „Gönn dir was Gutes, auch wenn du in Not bist! Was nützt Dir das Leben, wenn Du erst tot bist?“, stand darauf. Unter der Bank fand sie eine Schachtel mit rostigen Nägeln und einen Hammer, ganz hinten ein total verdrecktes Taschenmesser mit verschiedenen Funktionen und zwischen leeren Konservendosen eine noch ungeöffnete Bierflasche mit einem Haltbarkeitsdatum vom vergangenen Jahr.
Wem diese Hütte wohl mal gehört hatte? Martina setzte sich auf die Bank und zog die Truhe näher heran. Da waren noch ein Kopfkissen und ein Pullover drin. Als sie beide herauszog, bemerkte sie, dass die Kiste einen doppelten Boden hatte. Der ließ sich leicht herausnehmen, versteckte aber nichts als Zeitschriften und beschriebenes Papier, das diejenigen, die die Hütte vor ihr entdeckt hatten nicht bemerkt oder uninteressant gefunden hatten. Martina schaute auf ihr Handy. Zwei Stunden waren es noch bis zur vereinbarten Rückkehr. Sie begann zu lesen. Zeitungsausschnitte von regionalen Fußballspielen, die schon viele Jahre zurücklagen, Eintrittskarten von Veranstaltungen, Briefe einer Frau und maschinengeschriebene Briefe von verschiedenen Behörden, alle an denselben Mann gerichtet…
Als sie das nächste Mal auf ihr Handy sah, waren die zwei Stunden vergangen, aber sie verspürte noch keine Lust, zurückzukehren. „Sowas wie Glück gefunden. Komme später“, schrieb sie an ihre Freundinnen und widmete sich weiter dem unbekannten Menschen, den sie gerade kennenlernte.
Erst als sie in der zunehmenden Dämmerung nichts mehr lesen konnte, machte sie sich auf den Rückweg. Die Schatztruhe eines fremden Menschen hatte sie an Aufgehobenes aus vergangenen Zeiten erinnert, an ihre eigenen Schätze, die irgendwo auf dem Dachboden in verstaubten Kartons ruhten und darauf warteten, dass irgendjemand sie entdeckte. Warum nicht sie selbst? Dankbar und in aller Ruhe könnte sie damit Rückblick halten auf ihr ereignisreiches Leben, ehe ihr das eines Tages nicht mehr möglich war. „Glück der Erinnerung“ schrieb sie als letztes in ihr Blöckchen, ehe sie sich zu ihren Freundinnen an den Tisch setzte.

JEDES HÄUSCHEN HAT SEIN KREUZCHEN

von Bärbel Triebel

„Wo et viel Schatten gibt, da gibbet au viel Licht! „Das sagte meine Oma immer, wenn sie trösten wollte. Und sie meinte damit, dass immer irgendwo ein Licht sein muss, auch wenn man grade nur Schatten sieht.
Und dann sagte sie noch: „Man musset abber au sehen wollen“
Ich saß sonntags immer mit am großen Küchentisch, spielte mit meinen Puppen und dem kleinen Puppen-Kaffee-Geschirr. Mama, die Tanten und Oma erzählten von Sorgen und Nöten, den eigenen, denen der Nachbarinnen oder anderen Leuten. Die Männer durften ins Wohnzimmer, dort stand der Radioapparat und es lief eine Fußballspiel-Übertragung.
Damit kannte ich mich nicht so genau aus, jedoch mussten wir alle lachen, wenn wir von nebenan die Rufe und das Stöhnen hörten. Bei ganz lauten Schreien wussten wir, nun war ein Tor gefallen. Bei ganz schlimmen Gestöhne war es ein Tor für die Gegner. Lautes Geschrei und Schimpfwörter rufen war Männersache, ich hatte jedoch gut aufgepasst und mir einiges gemerkt.
„Schiri du Pfeife“ war mir am liebsten, das riefen meine Puppen, wenn sie Streit hatten. Oder sie konnten rufen: „Foul, foul - dat sieht doch ein Blinden mit Krückstock, dat dat ein foul war „
Die Frauen in der Küche freuten sich über die Zeit zum Erzählen, waren froh, dass die Männer mit ein einigen Fläschchen Bier und ein paar Kurzen so gut beschäftigt waren.
Während ich also mit meinen Puppen spielte, hörte ich so nebenbei, dass die Frau von Onkel Wilhelm schon wieder in anderen Umständen ist.
„Mensch, ob dat gut geht, se hat doch schon ein Stall voll Blagen, die se nich satt kricht“ sagte die eine Tante und Oma bemerkte dazu:
„Dat is doch gut, wennze so viele gesunde Kinder has un keins gestorben is, da hasset innet Alter ma gut, bei eins vonne Kinder kannsse immer wohnen, da bisse versorcht. „
Die Frauen debattierten dann, was sie ihrem Mann sagen würden, wenn der dauernd ankäm – ich dachte nicht darüber nach, was das bedeuten konnte.
Offensichtlich war man da sehr geteilter Meinung.
„Ja weisse“ sachte de Tante „jedes Häusken hat sein Kreuzken“ dann seufzte sie tief – und ich dachte immer, das gehört so, also zu diesem Spruch. Meine Puppen sagten das dann auch, wenn sie nicht das richtige zum Anziehen hatten oder es keinen Kaffe gab, nur Muckefuck. Worüber die Erwachsenen sich halbtot lachten, was ich auch nicht verstand.
An einen Sonntag saßen wir wieder zusammen, dieses Mal waren Krankheiten das Thema. Meine Puppen hatten zum Beispiel Bronchen, Husten oder den Flotten, also Durchfall.
Manchmal bekamen sie auch einen Verband um den Fuß, weil sie sich was verknackst hatten. Eben so, wie Kinder das wiedergeben, was sie von den Großen aufschnappen.
Dafür geht man ja nicht zum Doktor, dafür gibt es Tee, Umschläge, Kräutertropfen und gut ist es, oder?
Dieses Mal war es anders, das hörte ich schon daran, dass sie nicht alle durcheinanderredeten, nein sie tuschelten so komisch, da wird ja das döfste Kind hellhörig.
Auf meine Frage“ Wat is los Mama?“ sagten sie im Chor: „Spiel du ma schön, dat is nix für Kinder „. Ja, das brauchten sie mir nicht zweimal sagen, ich wusste sofort, jetzt wird es besonders interessant, klar.
Ich machte so ganz scheinheilig mein kleines Babypüppchen ins Bett, es bekam eine neue Windel, dann mussten meine beiden Puppenmuttis ein Nachthemd anziehen. Sie protestierten und nur weil ich ein gute Nacht-Lied und noch eine Geschichte versprach - jedes Mal sprach mit einer anderen, verstellten Stimme – habe ich sie in ihre Bettchen gelegt.
Die Frauen hatten mich total vergessen, aber meine Ohren waren auf Empfang, egal wie gekonnt sie wisperten und flüsterten, meine Antennen waren ausgefahren, damit ich nur ja nichts Spannendes verpasste.
Wenn man mit Hänsel + Gretel, Rotkäppchen und allen Struwwelpeter-Geschichten aufwächst, da findet man es nicht so schlimm, wenn die Tante erzählt, dass der kleine Peter von seiner Mutter mit dem Holzlöffel verdroschen wurde, weil er den Teller nicht leer gegessen hatte.
Weil er danach zwei Tage nicht sitzen und also nicht zur Schule konnte, musste eine Entschuldigung geschrieben werden, die allerdings musste der Vater unterschreiben.
„Böäh“ sagte Oma „watt ein Pech, ausgerechnet einmal, wo er die Kinder nich verprügelt hat, fälltet auf. Dat wissen doch alle, dat er ein ganz Aufbrausenden is. Sein Frau war schon zweimal beim Arzt mit gebrochene Rippen“.
„Ne“ sagt Tante Hilde „beim Doktor warse doch mit den schlimmen Husten, weil der dat Kohlegeld versoffen hat un se 4 Wochen nich heizen konnten. Wenn de Nachbarn nich für se mitgekocht hätten, hättet nich ma ne heiße Suppe gegeben“.
„Ach mach ma halb lang, wennse sich den Doktor leisten kann, kannet doch nich so schlimm sein“ sagte Tante Thea und meine Mutter meinte, dass es aber schon schlimm gewesen sein muss, wenn man freiwillig zum Arzt geht.
„Ihren Mann hat se sogar extra Busgeld gegeben“ wusste Tante Maria, „dafür sollte se sagen, datt blaue Auge wär, weil se anne Treppe nich aufgepasst hat. „
In unserer Familie wurde nicht gehauen, Oma wusste aber, dass in vielen Familien, auch in unserer Nachbarschaft, besonders Männer und Väter, ziemlich schlagkräftig waren.
Auf einmal fängt Tante Maria an zu heulen, schluchzt und kriegt sich gar nicht mehr ein. Alle versuchen sie zu trösten, sie fragen:“ Wat hasse denn, wat  is los, willsse ma vielleicht ein Klosterfrau Melissengeist, dat beruhicht.
„Ach“ sagt Maria „bei dies Thema bin ich so nah am Wasser gebaut. Mein Heinz, der war ja au nich immer so nett wie ihr den kanntet. Man soll ja nich über Tote schlecht reden, aber ich hab et au nich so gut gehabt. „
„Och“ meinten die anderen, „dat hätten wer gezz nich gedacht, war immer so ein lustich Kerlchen, den Heinz. Immer ein Scherzken auffe Lippen, besonders wenner ein gepichelt hatte.“
„Klar, der hat sich immer im Vordergrund gespielt, ich war inne stille Ecke“ sagt Maria „un wenn wer dann zu Hause waren, ging er auf mich los. Weisse, weil ich ja keine Kinder krichte hatter immer gesacht, dat wär meine Schuld. De Kollegen würden schon am lästern fangen, abber an ihm läch et nich, er würd immer seine Ehepflichten nachkommen“
„Warum hasse denn keinen wat gesacht? fragt Oma „du un dein Heinz, keine Kinder, Geld nur für euch, schönes Häusken, da war ich immer neidisch.“
Ich komme aus meiner Puppenecke und sage so richtig schön altklug
„Jaja, jedes Häusken hat sein Kreuzken“ im Anschluss mit einem richtig tiefen Seufzer und überlege, wieso es denen besser gehen sollte, weil sie KEINE Kinder hatten.
Mein Spruch hat die Frauen komplett aus der Spur gebracht. Sie schicken mich raus auf den Hof, Rollerfahren, na toll. Jetzt krieg ich nichts mehr mit. Ich kann mir aber schon denken, was Oma mit ihrer tröstenden Stimme sagt:“ Un wir haben immer gedacht, bei euch is alles in Butter. Aber weisse, wo viel Schatten is…. Hatte ja auch gute Seiten dein Heinz“
Das Fußballspiel ist aus, die Männer kommen aus dem Wohnzimmer, debattieren lautstark darüber, dass es am Trainer liegt, das Schalke verloren hat, wissen was geändert werden muss und wie sie die Mannschaft aufstellen würden …
Die Frauen haben alle Hände voll zu tun, das es jetzt keinen Streit gibt und die „großen Jungs“ sich nicht „anne Köppe“ kriegen mit ihrem ganzen geballten Fachwissen.
Als der Besuch am Abend nach Hause geht und sich alle fröhlich von einander verabschieden, schaue ich mir Tante Maria besonders aufmerksam an. Sie strahlt, lächelt, raucht sogar auf dem Hof noch mit Onkel Dieter eine Zigarette. Gut das Oma das nicht sieht.
Wie sie so dasteht, fällt von der Restsonne ein ganz kleiner Schatten von ihr auf den Hof.
Ich gehe zu Oma und sage: „Omma, weisse, dein Spruch is falsch. Dat muss nich heissen:
wo viel Schatten, da is au viel Licht –
dat muss heißen: wo viel Licht is, da gibbet au Schatten
Abber weisse wat, manchmal is dat nur ein klitzekleinen Schatten.
„Ja Kind“ sacht Omma un nimmt mich im Arm
„dat kommt immer auffe Perspektive an“
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